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Schulter: Beweglich, aber auch verletzungsanfällig

Chefarzt Priv.-Doz. Dr. Fabian Gilbert ist erfahrener Operateur der Schulter.
Sie haben vor Ihrer Zeit als Chefarzt in Ebersberg sehr viele Operationen der Schulter durchgeführt. Man könnte auch sagen, dass Sie ein Schulterspezialist sind. Was ist aus Ihrer Sicht als Arzt besonders an diesem Gelenk?
Priv.-Doz. Dr. Fabian Gilbert: Die Schulter ist ein sehr interessantes Gelenk. Sie verfügt über eine sehr große Beweglichkeit. Diese enorme Bewegungsfreiheit resultiert daraus, dass die Schulter primär durch eine Weichteilführung aus Muskeln und Sehnen stabilisiert wird und nicht durch eine tiefe knöcherne Führung, wie wir sie etwa vom Hüftgelenk kennen. Genau dieser Verzicht auf knöcherne Blockaden macht das Gelenk zwar zum beweglichsten unseres Körpers, aber eben auch anfälliger für Verletzungen und Instabilitäten.
Was kann Probleme in der Schulter auslösen?
Priv.-Doz. Dr. Fabian Gilbert: Die Auslöser sind vielfältig und reichen von rheumatoiden Erkrankungen bis hin zu Frakturen des Gelenks oder der Gelenkpfanne. Besonders häufig ist jedoch die Rotatorenmanschette betroffen – eine funktionelle Gruppe aus vier Muskeln und Sehnen, die den Oberarmkopf in der Pfanne zentriert und das Gelenk stabilisiert.
Speziell bei Patienten ab dem 50. Lebensjahr sehen wir hier oft Schäden. Während Über-Kopf-Sportarten ein Risikofaktor sind, ist die Ursache meist komplexer: Es handelt sich häufig um eine Kombination aus biologischem Verschleiß (Degeneration) und mechanischer Belastung. Wenn solche degenerativen Prozesse in große, irreversible Risse übergehen, führt dies nicht nur zu massiven Schmerzen und Kraftverlust, sondern kann langfristig auch eine arthrotische Zerstörung des Gelenks nach sich ziehen.
Wenn Menschen mit Schulterschmerzen zu Ihnen kommen, wie können Sie feststellen, was der Auslöser unter den vielen Möglichkeiten ist?
Priv.-Doz. Dr. Fabian Gilbert: Die Basis jeder Diagnose sind das Gespräch und die körperliche Untersuchung. Wenn Schmerzen durch einen Unfall entstanden sind, liefert uns der Unfallhergang bereits entscheidende Hinweise: Ein Sturz vom Fahrrad deutet oft auf eine Fraktur des Schlüsselbeins hin, während ein Sturz auf den ausgestreckten Arm klassischerweise eine Luxation (Ausrenkung) vermuten lässt. Wir prüfen im ersten Schritt immer die Beweglichkeit, die Kraft sowie die neurologische und vaskuläre Unversehrtheit – also ob Muskulatur, Nerven oder Gefäße betroffen sind.
Um unsere klinische Vermutung zu objektivieren, nutzen wir eine stufenweise Bilddiagnostik. Röntgen: Zur Beurteilung der knöchernen Strukturen und zum Ausschluss von Brüchen oder fortgeschrittener Arthrose. Ultraschall (Sonographie): Ein hervorragendes dynamisches Verfahren, um Sehnenverletzungen der Rotatorenmanschette direkt in der Bewegung zu beurteilen. MRT (Magnetresonanztomographie): Unverzichtbar für die detaillierte Darstellung von Weichteilen, Knorpel und beginnenden Entzündungen.
CT (Computertomographie): Ein Meilenstein für die Patientensicherheit ist die computergestützte 3D-Planung, die wir bei jeder Schulterendoprothese einsetzen. Auf Basis einer CT-Untersuchung erstellen wir ein virtuelles, dreidimensionales Modell der Patientenschulter. Bereits vor dem ersten Schnitt können wir am Bildschirm die optimale Größe und Positionierung der Prothese millimetergenau simulieren und anatomische Besonderheiten des Knochens berücksichtigen. Diese digitale Generalprobe ermöglicht eine extrem präzise Verankerung im Knochen, was die Haltbarkeit des Kunstgelenks deutlich verbessert und das Risiko für Komplikationen minimiert.
Muss immer operiert werden, wenn eine Schulterfraktur vorliegt?
Priv.-Doz. Dr. Fabian Gilbert: Keineswegs. Das Ziel unserer Therapie ist die Wiederherstellung der schmerzfreien Funktion, und der Weg dorthin ist individuell. Viele Schulterbrüche lassen sich erfolgreich konservativ behandeln, indem das Gelenk zunächst kurzzeitig ruhiggestellt und anschließend unter physiotherapeutischer Anleitung frühfunktionell mobilisiert wird.
Eine chirurgische Versorgung wird jedoch dann wichtig, wenn die Lebensqualität stark eingeschränkt ist oder die Knochenstruktur – etwa bei Osteoporose – keine herkömmliche Heilung zulässt. In solchen Fällen haben wir am Klinikum Ebersberg exzellente Erfahrungen mit modernen Schulterprothesen gemacht, die den Patienten ihre Mobilität zurückgeben.
Und Risse der Rotatorenmanschette, können die ohne OP ausheilen?
Priv.-Doz. Dr. Fabian Gilbert: Auch bei Rissen der Rotatorenmanschette bedeutet die Diagnose nicht zwangsläufig eine Operation. In vielen Fällen erreichen wir durch gezielte Krankengymnastik oder minimalinvasive Maßnahmen wie eine schmerzstillende Injektion eine deutliche Linderung und Funktionsverbesserung.
Interview: Katharina Ober
Wer mehr über die Behandlungsmöglichkeiten bei Schulterbeschwerden erfahren möchte, kann dies bei einem Vortrag von Chefarzt Priv.-Doz. Dr. Fabian Gilbert und seinem Team. Unter dem Titel „Schulterchirurgie im Fokus – Sehne, Fraktur, Arthrose“ sprechen die Ärzte am Dienstag, 10. Februar, ab 18 Uhr im Speisesaal des Klinikums Ebersberg München Ost. Eine vorherige Anmeldung ist nicht nötig.