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Verbesserte Therapie bei „Schaufensterkrankheit“


Gefäß-Spezialisten der Kreisklinik Ebersberg setzen neuartige, kombinierte Ballondilatations-Verfahren ein

Verbesserte Therapie bei Schaufensterkrankheit
Die erfahrenen Gefäßspezialisten der Kreisklinik Ebersberg Dr. Renate Steckel und Dr. Peter Kreissl besprechen, ob eine Ballondilatation für den Patienten geeignet ist. Foto: kk/sf

Ebersberg, August 2015 – Arterielle Verschlusskrankheiten (AVK) sind Folgeerkrankungen der Arteriosklerose, im Volksmund auch „Gefäßverkalkung“ genannt. Am häufigsten ist die periphere AVK (pAVK), bekannt als „Schaufensterkrankheit“, die in den Beinen auftritt. Heilbar ist sie nicht, aber dank moderner Behandlungsverfahren lässt sich eine deutliche Besserung der Symptome erreichen. Wie, erläutern die eng kooperierenden Gefäßspezialisten der Kreisklinik Ebersberg Dr. Renate Steckel, Chefärztin der Radiologie, und Dr. Peter Kreissl, Chefarzt der Visceral- und Gefäßchirurgie.

Frau Dr. Steckel, welche Symptome zeigen sich bei Betroffenen?
Das ist abhängig davon, in welchem Krankheitsstadium sich der Patient befindet. Die pAVK entwickelt sich schleichend: Mit zunehmendem Alter lagern sich weiche Fette an den Gefäßwänden ab, die den Kern für weitere Ablagerungen von Gewebe und Kalk bilden. Die Blutbahnen werden zunehmend enger. Zu Beginn sind die Betroffenen noch beschwerdefrei, oft bildet der Körper sogar Umgehungs-Blutkreisläufe. Im weiteren Verlauf haben die Patienten Schmerzen beim längeren Gehen. Wer sich nur wenig bewegt, bemerkt auch in diesem Stadium noch nichts, erst später, wenn schon nach weniger als 200 Metern eine Pause eingelegt werden muss – ungefähr im Abstand von Schaufenstern, daher der Name. Im dritten Stadium treten die Schmerzen auch im Ruhezustand auf und es kommt zu nächtlichen Wadenkrämpfen. Im vierten Stadium bilden sich Risse in der Haut, die durch die unzureichende Durchblutung schlecht oder gar nicht abheilen. Bei einem vollständigen Arterienverschluss stirbt das Gewebe ab.

Welche medizinischen Möglichkeiten gibt es, das zu verhindern?
Dr. Kreissl: Wichtig ist eine frühzeitige Diagnose. Sobald bei längerem Gehen Schmerzen in den Beinen auftreten, sollte man seinen Hausarzt aufsuchen. Im Anfangsstadium können durchblutungsfördernde Medikamente helfen. Bei fortgeschrittener Erkrankung empfiehlt sich eine operative Gefäßerweiterung, die in der Kreisklinik Ebersberg entweder von einem interventionellen Radiologen oder einem Gefäßchirurgen durchgeführt wird.

Wovon ist abhängig, wer die OP durchführt?
Dr. Steckel: Von der Lokation der Durchblutungsstörung und der Schwere der Erkrankung. Kürzere und auch längere Engstellen und Verschlüsse dehnen wir in der Radiologie mittels sogenannter Ballondilatation auf. Dabei wird ein Katheter in die Arterie gebracht, an dessen Spitze ein winziger Ballon sitzt. Er wird mit Kochsalz und Kontrastmittel gefüllt, um das Blutgefäß zu dehnen. Er ist außerdem mit einem chemischen Wirkstoff beschichtet, der das erneute Zusammenziehen der Arterie verhindert. Nicht nur Studien haben gezeigt, dass dieses neue Verfahren gute Erfolge erzielt, wir haben selbst die Erfahrung gemacht, dass damit eine längere Offenhaltung der Gefäße erreicht wird als ohne Medikament. Je nach Fall wird zusätzlich ein Stent platziert, ein dünnes, zusammengefaltetes Metallgitter, das sich in der Blutbahn entweder von selbst entfaltet oder über den Ballon aufgefaltet wird und dafür sorgt, dass die Arterie offen bleibt. Das Material ist sehr biegsam, kann aber nicht knicken.

Wann können diese Methoden nicht angewendet werden?
Dr. Kreissl: Zum Beispiel in der Leiste. Wir führen hier – bedingt durch die anatomischen Verhältnisse – eine lokale Ausschälung des Gefäßkalkes durch mit nachfolgendem Einsatz einer Erweiterungsplastik. Verengungen über längere Strecken überbrücken wir mit einem Bypass. Für jeden Patienten entscheiden Frau Dr. Steckel und ich gemeinsam, mit welchem Verfahren die Arterie am längsten offen gehalten werden kann. Berücksichtigt werden dabei auch der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten, seine Narkosefähigkeit sowie seine Lebensumstände. Ziel ist immer, die Mobilität des Patienten zu optimieren, denn regelmäßiges Gehtraining verbessert die Gesamtsituation deutlich.

Gibt es Menschen, die ein besonders hohes Risiko haben, an einer pAVK zu erkranken?
Dr. Kreissl: Ja, ältere über 65 Jahren. Fast ein Viertel von ihnen ist betroffen, Männer häufiger als Frauen. Durch den demografischen Wandel erwarten wir jedoch in den nächsten Jahren einen deutlichen Anstieg. Weitere Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Rauchen, eine ungesunde Ernährung mit zu viel Fett und zu wenig Bewegung. Eine Änderung des Fettstoffwechsels und regelmäßige Bewegung können das Ausmaß einer pAVK deutlich reduzieren. Gefährdet sind außerdem Diabetiker Typ II. Ein jahrelang erhöhter Blutzucker schädigt die Nerven und Gefäße, was zum „diabetischen Fuß“ führen kann.

Was bedeutet das?
Dr. Steckel: Die Füße sind mit einem feinen Netz aus Blutkapillaren durchzogen. Ist hier der Blutfluss gehemmt, kommt es wie oben beschrieben leicht zu Verletzungen und Infektionen. Die Kapillaren sind so fein, dass sie operativ nicht behandelt werden können. Medikamente und eine gute Pflege der Füße, bequeme, weiche Schuhe und die Vermeidung von Druckstellen können die Gesamtsituation verbessern.

Das Gespräch führte Sybille Föll


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