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Psychoonkologische Betreuung von Tumorpatientinnen


Kreisklinik Ebersberg bezieht Familien in Therapie mit ein

Psychoonkologische Betreuung von Tumorpatientinnen
Prof. Cornelia Höß (3. V. li.) bespricht mit ihrem Team bei der großen Chefarztvisite medizinische Maßnahmen sowie die psychoonkologische Betreuung. Foto: kk/sf

Ebersberg, September 2015 – Die Diagnose „Krebs“ ist für jeden Menschen zunächst ein Schock. In der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe Ebersberg unterstützt deshalb die Psychoonkologin Dr. Cornelia Caspari betroffene Patientinnen vor und nach der Operation, gegebenenfalls auch Angehörige wie Ehemann und Kinder. „Denn aus unserer Erfahrung wissen wir, dass bei einer Krebserkrankung stets die ganze Familie betroffen ist“, erklärt Chefärztin Prof. Cornelia Höß. Weitere, auf Spenden basierende Angebote sollen den Familien helfen, besser mit der Krankheit umzugehen. Ab Herbst sind neue Gesprächs-, Tanz-, und Kunsttherapiegruppen geplant.

Frau Prof. Höß, je nach Tumorart haben betroffene Frauen verschiedene Ängste und Sorgen. Welche sind das?
Bei Brustkrebs geht es meistens um das weibliche Selbstbild, insbesondere, wenn eine Brust entfernt werden muss. Dann tauchen Fragen auf wie: „Liebt mich mein Lebenspartner noch? Bin ich überhaupt noch Frau?“ Bei einem Gebärmutterhalskrebs, der in der Regel durch Humane Papillomaviren (HPV) verursacht wird, muss teilweise der Gebärmutterhals und manchmal auch die ganze Gebärmutter entfernt werden, was für junge Frauen mit Kinderwunsch sehr schlimm ist. Bei allen Patientinnen kann zudem das Selbstbewusstsein leiden, beispielsweise durch Haarausfall oder Hautprobleme nach einer gegebenenfalls erforderlichen Chemotherapie. Jede Tumorpatientin braucht unsere Hilfe, und zwar über die medizinische Versorgung hinaus.

Wie sieht diese Hilfe konkret aus?
Dr. Caspari: Von Beginn an durch psychoonkologische Unterstützung. Wenn das Ergebnis der Stanz-Biopsie vorliegt, also der Gewebeuntersuchung, rufen mich die Ärzte bereits in der Ambulanz zum Patientengespräch hinzu. Zunächst heißt es für mich, die Patientinnen, die unter Schock stehen, zu stabilisieren. Wichtig für sie zu wissen ist, dass die Diagnose Krebs heutzutage kein Todesurteil mehr bedeutet. Die meisten Tumorarten in der Gynäkologie haben gute Prognosen für eine Heilung. Für Frauen mit Kindern zu Hause ist jedoch meist die erste Frage: „Wie sage ich es ihnen?“ Meine Aufgabe ist es dann, sie zu ermutigen, mit ihrer Familie offen zu sprechen, ihnen Hilfestellungen zu geben, zum Beispiel Formulierungsbeispiele. Manche Patientinnen brauchen ein paar Tage, andere nehmen meine Empfehlung gleich an und fühlen sich dann nach dem Familiengespräch auch meistens erleichtert.

Wie geht es dann weiter?
Dr. Caspari: Bis zur Operation steht die psychische Stabilisierung der Patientin im Vordergrund, damit der Eingriff ohne Komplikationen vorgenommen werden kann. Wenn die Patientin seelisch zusammenbricht, ist das nicht möglich. An der Art, wie sie über ihren Befund spricht, ob sie schlafen kann oder nicht, ob ihr übel ist – all das sind für mich Indikatoren, auf welcher Stufe der Verarbeitung sie sich befindet. Hilfreich für meine Arbeit sind auch Informationen zu ihren Lebensumständen, etwa ob sie vorangegangene traumatische Erlebnisse hatte, wie ihr familiäres Umfeld aussieht und anderes. Dann kann ich besser auf sie eingehen.
Prof. Höß: Nach der Operation findet einmal in der Woche eine gemeinsame Chefarztvisite statt, bei der sich mein Team aus Ärzten, Frau Dr. Caspari, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten und Pfleger vor dem Patientenzimmer über den Fall austauscht, entsprechende medizinische Maßnahmen festlegt und überlegt, welche psychoonkologischen Betreuungsangebote in Frage kommen. Im Zimmer sprechen wir mit der Patientin und stellen das Team mit seinen einzelnen Aufgaben und Angeboten vor.

Welche Betreuungsangebote gibt es an der Klinik für Betroffene?
Dr. Caspari: Noch während des stationären Aufenthalts steht Patientinnen eine Kunsttherapiegruppe offen, die dazu dient, durch das kreative Schaffen Selbstheilungskräfte zu entwickeln. Ab Herbst wird es eine zusätzliche Kunst- sowie eine Tanztherapiegruppe für die Zeit nach der stationären Behandlung geben, außerdem eine Gesprächsgruppe für alle Tumorpatientinnen. Neu Erkrankte haben hier die Möglichkeit, mehr über ihre Erkrankung zu erfahren und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Insgesamt sind es sechs Termine zu verschiedenen Themen, an denen die Patientinnen auch nach dem Klinikaufenthalt teilnehmen können.

Das heißt, die Betreuung geht über den stationären Aufenthalt hinaus?
Prof. Höß: Ja, dank großzügiger Spenden. So können wir außerdem eine Familiensprechstunde anbieten, in die Eltern und Kinder gemeinsam oder auch einzeln kommen können, viermal im Jahr einen Kunst-Workshop für Kinder krebskranker Mütter, sowie jeden letzten Montag im Monat ein Patientenseminar, in dem Betroffene und Angehörige weitere Informationen zum Thema Krebs, Gesundheit und Prävention erhalten.

Welche Aufgabe übernimmt der Sozialdienst?
Dr. Caspari: Er berät zu allen Fragen rund um Arbeitsschutz, Rehabilitationsmaßnahmen, Haushaltshilfe oder Kinderbetreuung. Bei einer alleinstehenden Patientin mit einer schweren Erkrankung zum Beispiel wird sein Rat eingeholt, ob eine ambulante Pflege oder die Nachbarschaftshilfe eingeschaltet werden sollte, oder ob eine Direktverlegung in eine Reha-Klinik besser wäre. Außerdem unterstützt er die Patientinnen bei der Beantragung eines Schwerbehindertenausweises, der allen Krebspatienten – befristet auf zwei Jahre – zusteht.
Prof. Höß: Alle zusammen bilden ein tolles Team mit einem gemeinsamen Ziel: Die Lebensqualität der Tumorpatientinnen zu verbessern – und dazu gehört, auch ihre Lebensumstände zu berücksichtigen.

Das Gespräch führte Sybille Föll


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