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Schnellere Genesung durch „Fast-Track-Surgery“


Konzept kommt in der Kreisklinik Ebersberg bei Darmoperationen zum Einsatz

Periduralanästhesie Dr. Lemberger
Zur Fast-Track-Surgery gehört eine schonende Schmerztherapie mittels Periduralanästhesie im Brustwirbelbereich. Foto: kk/sf

Ebersberg, Dezember 2015 – Brauchten früher Patienten nach einer Darmoperation Wochen, um sich davon zu erholen, so sind sie heutzutage dank „Fast-Track-Surgery“ meist nach wenigen Tagen wieder fit. Kern dieses auf mehreren Säulen basierenden Konzepts ist eine besondere Schmerztherapie, mit deren Hilfe die Patienten schon kurz nach dem Eingriff mobilisiert werden können. An der Kreisklinik Ebersberg wird Fast-Track-Surgery gemeinsam von der Visceralchirurgie und der Anästhesie seit 2006 eingesetzt. Dr. Peter Lemberger, Chefarzt der Anästhesie, erläutert das Verfahren sowie die Vorteile für die Patienten.

Dr. Lemberger, was ist Fast-Track-Surgery?
Bei dem Konzept geht es darum, die Patienten vor, während und nach der Operation so zu begleiten, dass ihr körperliches Gleichgewicht nicht aus den Fugen gerät, die Gefahr von postoperative Komplikationen wie Lungenembolien, Lungenentzündungen oder Thrombosen gebannt wird und die Genesungszeit sich erheblich verkürzt.

Wie erreichen Sie das?
Statt tagelangem Fasten und Darmspülen, wie es früher üblich war, erhalten die Patienten nur ein mildes Abführmittel und müssen lediglich sechs Stunden vor dem Eingriff nüchtern bleiben. Schon am Abend nach der Operation können sie Wasser trinken und am Tag danach erhalten sie leichte Kost wie Tee, Zwieback, Suppe. Dadurch trocknet der Körper nicht aus, der Elektrolythaushalt im Blut wird nicht gestört, und der Darm bleibt aktiv. Außerdem wird unmittelbar vor der Operation vom Anästhesisten – ergänzend zur Narkose – eine thorakale Periduralanästhesie (PA) durchgeführt. Sie hilft, den Einsatz starker Schmerzmittel, so genannte Opiate, zu vermeiden oder zu reduzieren. Diese können Nebenwirkungen wie Hemmung der Darmtätigkeit und Atmung, Müdigkeit, Übelkeit und Erbrechen hervorrufen.

Wie funktioniert die thorakale Periduralanästhesie?
Wir platzieren im unteren Brustwirbelbereich, nahe dem Rückenmark, einen Katheter in den Wirbelkanal. Über diesen verabreichen wir ein lokal wirkendes Betäubungsmittel, wie es auch der Zahnarzt verwendet. Es betäubt gezielt die Nerven im Brust- und Bauchbereich. Gleichzeitig wird der Sympathikus gehemmt, der Teil des vegetativen Nervensystems, der den Körper auf Hochleistung vorbereitet – unter anderem, indem er die Darmtätigkeit reduziert. Dadurch überwiegt der Einfluss des Parasympathikus, der für Ruhe und Verdauen zuständig ist, auf die Körperfunktionen. Das bedeutet: die Darmtätigkeit wird gefördert.

Welche Vorteile hat das für den Patienten?
Durch die PA wird die Verdauung angeregt. Der Darm kommt in Gang, dies fördert seine Durchblutung und damit die Heilung. Magensonde und Blasenkatheter werden meist schon unmittelbar nach der Operation entfernt, so dass die Patienten nicht tagelang ans Bett gefesselt sind. Sie können bereits am ersten Tag nach der Operation aufstehen und laufen. Positiv wirkt sich hier auch aus, dass bei der thorakalen PA die Beine nicht betäubt werden.

Haben die Patienten keine Schmerzen nach einer solch schweren Operation?
Die Schmerzen werden durch die PA auf ein erträgliches Maß reduziert. Ein wesentlicher Vorteil der thorakalen PA ist, dass auch nach dem Eingriff über den Katheter Schmerzmittel verbreicht werden können – bis zu eine Woche lang oder je nach Bedarf auch länger. Der Schlauch ist so dünn, dass er beim Liegen nicht stört.

Welche Risiken birgt diese Schmerztherapie?
Obwohl die PA unter sterilen Bedingungen durchgeführt wird, kann es wie bei jeder Punktion mit Anlage eines Katheters zu einer Infektion kommen. In äußerst seltenen Fällen kann ein Blutergusses oder ein Abszess entstehen, der Druck auf das Rückenmark oder auf die Nerven ausüben würde. Im Extremfall könnte das zu einem Nervenschaden oder einer Querschnittslähmung führen. Das passiert jedoch äußerst selten. Wichtig ist, die Gefahr rechtzeitig zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um bleibende Schäden abzuwenden. Wir betreuen unsere Patienten deshalb sehr sorgfältig. Ich arbeite seit 2007 in der Kreisklinik Ebersberg und bisher gab es noch keine der geschilderten Komplikationen.

Spart sich die Klinik durch Fast-Track-Surgery Geld und Personal?
Der stationäre Aufenthalt der Patienten verkürzt sich zwar, aber der personelle Aufwand ist höher. Die Pfleger und Krankengymnasten sind intensiver damit beschäftigt, die Patienten wieder zu mobilisieren. Anästhesisten führen zweimal täglich Visiten bei ihnen durch, um die Schmerztherapie zu überwachen. Außerdem ist rund um die Uhr ein Anästhesist für unsere Patienten erreichbar. Die Methode wurde nicht aus wirtschaftlichen Gründen entwickelt, sondern zum Wohl der Patienten. Sie überstehen die Operationen mit geringerer Beeinträchtigung ihrer Körperfunktionen und können schneller in ihren Alltag zurückkehren.

Wird das Verfahren auch bei anderen Erkrankungen angewendet?
Ja, bei Operationen am Brustkorb oder an der Wirbelsäule. Aber in Ebersberg wird die thorakale PA vorwiegend in der Bauchchirurgie eingesetzt.

Das Gespräch führte Sybille Föll


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