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Bei Verdacht auf akutes Nierenversagen sofort in Krankenhaus!


Ein Gespräch mit dem Chefarzt der Urologie in der Kreisklinik Ebersberg

Bei Verdacht auf akutes Nierenversagen sofort in Krankenhaus!
Prof. Dr. Martin Kriegmair bei einer endoskopischen Untersuchung. Foto: kk/sf

Ebersberg, August 2016 – Die wichtigsten Aufgaben der Nieren sind neben der Regulation des chemischen Gleichgewichts im Körper die Blutreinigung und die Entwässerung der Körperzellen. Etwa 100 Liter Blut pro Tag werden durch das komplexe Röhrensystem der Nieren geleitet, gefiltert und die Giftstoffe zusammen mit den Flüssigkeiten schließlich über die Harnleiter als Urin ausgeschieden. Ein akutes Nierenversagen kann lebensbedrohlich sein. Über Ursachen und Therapiemöglichkeiten sprachen wir mit Prof. Dr. Martin Kriegmair, Chefarzt der Urologie in der Kreisklinik Ebersberg.

Prof. Kriegmair, was passiert beim akuten Nierenversagen?
Die Nieren stellen ganz plötzlich ihre Tätigkeit ein, es kommt zu massiven Ansammlungen von Wasser und Giftstoffen im Körper. Die Gründe hierfür können unter anderem Verstopfungen der ableitenden Harnwege sein. Der Urin kann nicht mehr abfließen und staut sich bis zu den Nieren zurück, die ihre Tätigkeit einfach einstellen. Ohne Behandlung führt dies meist zum Tod.

Wodurch können diese Verstopfungen entstehen?
Bei Männern zum Beispiel durch eine vergrößerte Prostata oder Prostatakrebs. Die sogenannte Vorsteherdrüse befindet sich direkt unter der Harnblase. Ist sie durch einen bösartigen Tumor oder altersbedingtes, gutartiges Zellwachstum vergrößert, drückt sie die Harnröhre zusammen. Dadurch kann sich der Urin bis in die Nieren stauen. Weitere Risikofaktoren sind Tumore im Nierenbecken, Nieren- und Harnleitersteine sowie die Retroperitoneale Fibrose, auch Morbus Ormond genannt. Letzteres ist eine Erkrankung, bei der die Harnleiter zunehmend von einer dicken Bindegewebsschicht ummantelt und zusammengepresst werden. Die Ursache ist allerdings bisher unbekannt.

Gibt es Symptome, die auf ein akutes Nierenversagen hinweisen?
Nicht direkt. Allerdings verursachen Nierensteine meist starke Schmerzen. Auch Blut im Urin ist ein wichtiger Indikator für eine ernsthafte Erkrankung.

Was ist die erste Maßnahme bei einer akuten Niereninsuffizienz?
Wir führen einen Schlauch in die Niere oder die Harnblase ein, um den Urinabfluss zu gewährleisten. So kann sich die Niere erholen. Denn ein akutes Nierenversagen bedeutet nicht, dass das Organ kaputt ist. In den meisten Fällen arbeiten die Nieren nach der Therapie wieder ganz normal weiter. Nur bei der chronischen Form kann es sein, dass eine oder beide Nieren irreversibel geschädigt sind.

Wo ist der Unterschied zwischen chronischem und akutem Nierenversagen?
Die chronische Niereninsuffizienz ist ein schleichender Prozess, den der Betroffene anfangs nicht merkt. Erst im späteren Verlauf können sich Symptome wie Müdigkeit und Schlappheit zeigen, außerdem Schwellungen am Knöchel oder Bluthochdruck. Ursache können verschiedene Erkrankungen sein, welche die Funktion der Nieren beeinträchtigen, etwa Bluthochdruck, Diabetes, schwere Infektionskrankheiten oder auch eine dauerhafte Schmerzmitteleinnahme. Im frühen Stadium wird eine Nierenerkrankung oft nur per Zufall entdeckt, zum Beispiel bei der Gesundheitsvorsorge.

Welche Aufgaben hat die Urologie bei der Behandlung von Niereninsuffizienzen?
Wir therapieren Erkrankungen der ableitenden Harnwege. Dazu gehören zum Beispiel Nieren- und Harnleitersteine. Sie bestehen meist aus Kalzium-Oxalat, Harnsäure, Ammonium-Magnesium-Phosphat oder Zystin – je nach Ursache der Entstehung. Diese kann ernährungsbedingt sein oder eine Stoffwechselstörung. Begünstigt werden Nierensteine auch durch Nierenentzündungen oder wenn der Betroffene zu wenig trinkt. Die Stoffe reichern sich in der Niere an und bilden Kristalle, die in die ableitenden Harnleiter bis in die Blase wandern und sie verstopfen können. Helfen keine Medikamente oder andere konservative Behandlungsmethoden, kommen die Patienten zu uns, damit die Nierensteine operativ entfernt werden. Die Standardtherapie ist eine Punktion der Niere von außen, um die notwendigen OP-Instrumente einführen zu können. Per Laser werden die Steine zertrümmert und der Sand anschließend abgesaugt. Der Eingriff findet unter Narkose statt, zur Beobachtung bleibt der Patient aber in der Regel einige Tage in der Klinik. Harnleitersteine werden meist endoskopisch über die Harnblase entfernt. Der Klinikaufenthalt beträgt hier etwa ein bis zwei Tage.

Welche Erkrankungen müssen außerdem operiert werden, die Auswirkungen auf die Niere haben?
Zum Beispiel Prostatakrebs oder Tumore der Harnblase. Nach der Entfernung erhält der Patient eine neue Blase, für die aus dem Darm zirka 50 bis 60 Zentimeter Gewebe entnommen werden. Bei Frauen kommt es manchmal zu einer Gebärmuttersenkung, oft mitsamt der Harnblase. In diesen Fällen arbeiten wir interdisziplinär mit der Gynäkologie der Kreisklinik Ebersberg zusammen. Operativ werden die Organe wieder in ihre ursprüngliche Lage versetzt.

Kann man einer Niereninsuffizienz vorbeugen?
Wie für viele andere Krankheiten gilt: Eine ausgewogene Ernährung, Bewegung, nicht rauchen und mäßiger Alkoholkonsum helfen, gesund zu bleiben. Außerdem ist es wichtig, ausreichend zu trinken – zirka eineinhalb Liter Wasser täglich, an heißen Tagen auch mehr.

Das Gespräch führte Sybille Föll


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