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Erkrankung der Schilddrüse – Hormone aus dem Gleichgewicht


Mediziner der Kreisklinik Ebersberg raten zu individuellem Therapiekonzept

Erkrankung der Schilddrüse
Die erste Untersuchung der Schilddrüse - hier durchgeführt von Prof. Thomas Bernatik (re.) und Dr. Peter Kreissl - erfolgt über Ultraschall. Foto: kk/sf

Ebersberg, Februar 2017 – Zwei Hormone regulieren den gesamten Stoffwechsel unseres Körpers: Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4). Gebildet werden sie in der Schilddrüse. Kommt es dabei zu Störungen, kann unser Körper außer Rand und Band geraten. Über die verschiedenen Erkrankungen der Schilddrüse und ihre Folgen sprachen wir mit zwei Experten der Kreisklinik Ebersberg: Prof. Dr. Thomas Bernatik, Chefarzt der Inneren Medizin, und Dr. Peter Kreissl, Chefarzt der Allgemein-, Visceral- und Gefäßchirurgie.

Prof. Bernatik, etwa jeder Dritte in Deutschland hat Knoten in der Schilddrüse - oft unbemerkt. Finden Sie das bedenklich?
Nein. Die meisten Knoten sind harmlos und machen bis zum Lebensende keine Probleme. Sollte ein Knoten zufällig entdeckt werden, empfehlen wir bei einer Größe unter einem Zentimeter und unauffälligem Rand im Ultraschall sechs Monate später eine Kontrolluntersuchung. Häufiger ist unnötig, weil solche Knoten meist sehr langsam wachsen. Ist er größer als ein Zentimeter, sollte eine Gewebeprobe entnommen und untersucht werden.
Dr. Kreissl: Bemerkt wird ein Knoten oft erst, wenn er entweder am Hals sichtbar wird oder Beschwerden auftreten wie etwa erschwertes Schlucken, Heiserkeit oder ein Kloßgefühl im Hals. In dem Fall raten wir zu einer Entfernung des Knotens beziehungsweise je nach Größe und Beeinträchtigung der Schilddrüsenfunktion auch der kompletten Schilddrüse.

Was ist, wenn mehrere Knoten im Ultraschall zu sehen sind?
Prof. Bernatik: Dann empfiehlt sich eine Szintigrafie. Bei dieser bildgebenden Untersuchung wird radioaktives Jod über eine Vene verabreicht. Über eine spezielle Kamera misst der Computer die abgegebene Strahlung und stellt sie bildlich dar. So können gutartige und gefährliche Knoten voneinander unterschieden werden. Die Schilddrüse braucht Jod, um die Hormone T3 und T4 produzieren zu können. Sogenannte kalte Knoten - also Gewebe, das seine Funktion aufgegeben hat und keine Hormone mehr produziert - nehmen kein Jod auf und werden am Bildschirm nicht sichtbar. Sie sind nicht immer bösartig, das Krebsrisiko ist aber hoch, so dass hier eine weitere Abklärung mittels Punktion oder eine Operation ratsam ist. "Heiße" Knoten" sind hyperaktiv. Sie produzieren zu viele Hormone und haben daher regelrechten Jodhunger, sind also bei der Szintigrafie gut zu erkennen.

Welche Symptome zeigen sich bei kalten und heißen Knoten?
Prof. Bernatik: Symptome haben etwas mit der Schilddrüsengesamtfunktion zu tun, nicht mit dem Szintigrafie-Befund. Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse fühlt sich der Patient oft müde, nimmt an Gewicht zu und leidet an Verstopfung. Bei einer Überfunktion, wie sie auch bei heißen Knoten auftreten kann, kommt es zu Herzrasen, Unruhe, Gewichtsabnahme und Durchfall.

Durch welche anderen Schilddrüsenerkrankungen können solche Symptome außerdem ausgelöst werden?
Prof. Bernatik: Eine Überfunktion tritt zum Beispiel beim Morbus Basedow auf. Bei dieser Autoimmunerkrankung bildet der Körper Hormone, welche die Produktion der Schilddrüsenhormone ankurbeln. Der Internist versucht zunächst, medikamentös das Stoffwechselgleichgewicht wieder herzustellen. Gelingt das nicht, wird die Schilddrüse operativ entfernt. Eine weitere Autoimmunerkrankung ist die Hashimoto-Thyreoiditis, eine Schilddrüsenentzündung. Sie beginnt ebenfalls meist mit einer Überfunktion, endet aber mit einer Unterfunktion, weil die Schilddrüse sukzessive zerstört wird. Durch die Einnahme von Schilddrüsenhormonen lassen sich die Symptome aber gut in den Griff bekommen. Zudem gibt es Thyrotoxische Krisen, etwa durch heiße Knoten oder einer Fehlfunktion der Hypophyse (Hirnanhangdrüse), die das schilddrüsenstimulierende Hormon TSH produziert. Dann fängt die Schilddrüse plötzlich an, verstärkt Hormone zu produzieren. Behandelt werden diese Krisen zunächst medikamentös. Bei heißen Knoten erfolgt aber danach eine Radiojodtherapie, die das betroffene Gewebe zerstört. Die Strahlung nach außen oder auf andere Organe ist dabei nur sehr gering.

In den Medien wird oft kritisiert, dass die Schilddrüse zu schnell und zu oft entfernt wird. Wie stehen Sie dazu?
Dr. Kreissl: Nicht jeder kalte Knoten ist bösartig und viele Schilddrüsenerkrankungen lassen sich gut medikamentös behandeln. Beobachten und individuelle Therapiekonzepte erstellen ist somit die erste Aufgabe des Arztes. Die Indikationen zur Schilddrüsenoperation sind klar in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie geregelt. Unnötige Operationen sollten bei Einhaltung dieser Leitlinien vermieden werden. Die Operation ist nicht ohne Risiken: Hinter der Schilddrüse verlaufen die Nerven der Stimmbänder, die verletzt werden können, ebenso wie die Nebenschilddrüsen, die für den Kalziumstoffwechsel des Körpers zuständig sind.

Wie häufig ist Schilddrüsenkrebs?
Dr. Kreissl: Glücklicherweise nicht sehr häufig. Laut Robert-Koch-Institut sind es etwa 6.000 Fälle pro Jahr. Die häufigste Art ist gleichzeitig die ungefährlichste: das papilläre Karzinom. Wenn es frühzeitig entdeckt und adäquat behandelt wird - das heißt, dass auch eine befundorientierte Nachsorge durchgeführt werden muss -, sind die Heilungschancen sehr gut. Ähnliches gilt für das follikuläre Karzinom, das etwas seltener ist und meist als einzelner Tumor auftritt. Allerdings kann dieser über die Blutbahnen Metastasen im Körper bilden. Äußerst selten sind sogenannte medulläre Karzinome, die meist genetisch bedingt sind.

Was sind die Ursachen von Schilddrüsenkrebs?
Dr. Kreissl: Begünstigt wird er durch Radioaktivität. Noch heute sind in Bayern die Auswirkungen des Reaktorunglücks in Tschernobyl festzustellen, etwa in Pilzen oder Wildschweinfleisch. Das sollte man besser nicht essen. Auch Jodmangel kann eine Ursache sein. Er äußert sich auch durch eine Vergrößerung der Schilddrüse, bekannt als "Kropf". Meist sind es aber spontane Faktoren, die man nicht bestimmen kann.

Das Gespräch führte Sybille Föll


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