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Hilfe bei Harninkontinenz


Kreisklinik Ebersberg legt großen Wert auf umfassende Untersuchung

Hilfe bei Harninkontinenz
Dr. Mathias Barba, Chefarzt der Urologie in der Kreisklinik Ebersberg. Foto: Alexander Zettl

Ebersberg, April 2019 – „Harninkontinenz muss nicht hingenommen werden, sie ist therapierbar“, macht Dr. Mathias Barba, Chefarzt der Urologie in der Kreisklinik Ebersberg, Betroffenen Mut. Vor jeder Therapie steht für den Experten eine sehr umfassende Untersuchung, denn das komplexe Krankheitsbild kann viele Ursachen haben. Bei Frauen sind es meist andere als bei Männern.

Wie äußert sich eine Harninkontinenz?
Betroffene verlieren ungewollt Urin. Bei einer sogenannten Belastungsinkontinenz geschieht das, wenn der Druck im Bauchraum erhöht ist, etwa beim Husten oder Lachen. Bei einer Dranginkontinenz hingegen haben Patienten das Gefühl, ständig auf die Toilette gehen zu müssen, obwohl die Blase noch nicht voll ist, und schaffen es nicht rechtzeitig. Dies sind die beiden häufigsten Formen, in der Regel treten Symptome von beiden auf.

Wie kann eine Harninkontinenz entstehen?
Bei einem gesunden Menschen funktioniert das System – vereinfacht ausgedrückt – folgendermaßen: Die Blase liegt oberhalb des Beckenbodens, der durch eine komplexe, miteinander verbundene Muskelplatte gebildet wird, die als Halterung fungiert. Teile dieses Muskelgewebes bilden auch den Schließmuskel der Harnblase und sorgen dafür, dass wir den Urin halten können. Ist die Blase voll, wird die Information über Nervenbahnen an unser Steuerungssystem im Rückenmark weitergegeben. Dieses sendet ein Signal zum Gehirn, dass wir eine Toilette aufsuchen sollten. Der Beckenboden – respektive der Verschlussapparat der Harnblase – entspannt sich und der Urin kann durch die Harnröhre abfließen. Ist das System gestört, kann es zur Harninkontinenz kommen.

Welches sind die häufigsten Ursachen einer Belastungsinkontinenz bei Frauen?
Zum Beispiel eine Schwächung der Beckenbodenmuskulatur im Alter oder nach einer Schwangerschaft, ein Blaseninfekt, Blasensteine oder eine Absenkung der Harnblase aufgrund eines altersbedingt schwachen Bindegewebes. Ein weiterer Grund können Operationen im Beckenbereich sein, die zu einer Absenkung geführt haben oder zu Nervenschädigungen, so dass falsche Signale zum Gehirn gesendet werden.

Und bei Männern?
Bei Prostata-Krebs kann es sein, dass die komplette Prostata entfernt werden muss. In diesem Fall tritt nach der Operation fast immer eine deutliche Belastungsinkontinenz auf, die sich jedoch bei der Mehrzahl der Patienten innerhalb eines halben Jahres durch ein konsequentes Beckenbodentraining zurückbildet. Falls dies nicht der Fall ist, kann als letzte Lösung eine operative Versorgung mit künstlichen Verschlussapparaten durchgeführt werden.

Was kann eine Dranginkontinenz verursachen?
Ein Harnwegsinfekt, Blasensteine oder auch ein Harnblasentumor. Bei Frauen steht hier der Harnblasenvorfall im Vordergrund, der neben der Harninkontinenz auch zu einem häufigeren nächtlichen Wasserlassen, Schmerzen im kleinen Becken sowie beim Geschlechtsverkehr und sogar zur Stuhlinkontinenz führen kann. Bei Männern wird oft eine Dranginkontinenz durch eine vergrößerte Prostata bedingt, die irritierend auf die Blase wirkt.

Wie diagnostizieren Sie die Ursachen für eine Harninkontinenz?
Wichtig ist zunächst herauszufinden, ob es sich um eine anatomisch bedingte Ursache handelt oder eine Blasenerkrankung. Die Anamnese steht an erster Stelle. Im Gespräch schildert die Patientin oder der Patient die Symptome, wann sie auftreten und bei welchen Aktivitäten. Das gibt uns erste Hinweise auf mögliche Ursachen. Zusätzlich bekommen Betroffene von uns einen umfassenden Fragebogen, den sie zu Hause in Ruhe ausfüllen können.
Danach folgen körperliche Untersuchungen: Ein Urintest, um eine Infektion erkennen oder ausschließen zu können, und immer eine Blasenspiegelung, denn der Grund für eine Harninkontinenz kann auch ein Tumor sein.
Anschließend folgt bei Frauen eine Untersuchung über die Scheide, bei der ertastet wird, ob eine Blasen-, Gebärmutter- oder Enddarmsenkung vorliegt. Die Funktionen dieser Organe sind eng miteinander verknüpft. Von einem Blasenvorfall ist manchmal auch der Enddarm betroffen und es kommt zusätzlich zu einer Stuhlinkontinenz. Das gilt ebenso für Männer.
Ein Ultraschall zeigt bei der Frau die Position der Blase in Relation zu den anderen Organen im kleinen Becken und lässt mehr über die Ursache der Harninkontinenz erfahren. Harnblasentumore müssen über Blasenspiegelungen ausgeschlossen werden. Zusätzlich kann eine urodynamische Untersuchung vorgenommen werden. Hierbei wird computergesteuert über Drucksonden der Blasendruck gemessen. Klebeelektroden im Beckenboden messen die Aktivität der Muskulatur.

Kann eine Harninkontinenz mit Medikamenten behandelt werden?
Das kommt auf die Ursache an. Bei Frauen kommt es durch den Östrogenabfall in den Wechseljahren oft zur Inkontinenz. Abhilfe können hier östrogenhaltige Zäpfchen schaffen, von denen je eines zweimal pro Woche in die Scheide eingeführt wird. Der Vorteil ist, dass es nur lokal wirkt und nicht auf den gesamten Organismus. Bei einer Beckenbodenschwäche gibt es Medikamente, die den Muskeltonus erhöhen. Sie haben jedoch starke Nebenwirkungen und bekämpfen nur die Symptome, nicht die Ursache. Besser ist Beckenbodentraining. Medikamente, die den Harndrang verzögern, haben zwar weniger Nebenwirkungen und können manchmal ein Segen sein, aber auch damit wird nicht die Ursache behoben. Bei Männern besteht aufgrund der Anatomie zudem das Risiko, dass sich der Urin bis in die Nieren zurückstaut und es zu einem Nierenversagen kommen kann.

Heißt das, die meisten Beschwerden können nur durch einen operativen Eingriff langfristig therapiert werden?
Nein. An erster Stelle steht ein konservativer Therapieversuch mit Beckenbodentraining. Gegebenenfalls erfolgt auch noch eine medikamentöse Therapie. Sollte sich keine ausreichende Besserung ergeben, muss über eine operative Therapie nachgedacht werden. Wichtig ist, durch die Diagnostik die Ursache der Harninkontinenz richtig zu erarbeiten, um aus einem großen Portfolio an operativen Möglichkeiten die richtige Vorgehensweise mit der Patientin oder dem Patienten abzustimmen. Grundsätzlich hängt die Entscheidung für eine Operation immer davon ab, wie stark die Symptome die Lebensqualität einschränken.

Das Gespräch führte Sybille Föll


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