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Wenn die Knochen mürbe werden


Sturzfolgen bei älteren Menschen

Sturzfolgen bei älteren Menschen
Benedikt Mildner (li.) und Dr. Artur Klaiber erläutern anhand einer Plastik, an welchen Stellen der Wirbelsäule bei älteren Patienten häufig Frakturen auftreten können. Foto: kk/sf

Ebersberg, Juli 2020 – Mit zunehmendem Alter kommt es häufiger zu Stürzen, bei fünf bis zehn Prozent der Betroffenen ist ein Knochenbruch die Folge. Über Ursachen, Therapie- und Vorsorgemöglichkeiten sprachen wir mit Dr. Artur Klaiber, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie, und Oberarzt Benedikt Mildner.

Warum stürzen ältere Menschen häufiger als jüngere?
Klaiber: Im Alter lässt die Koordinationsfähigkeit nach, man kann das Gleichgewicht nicht mehr so gut halten, und die Muskelkraft wird schwächer. Laut Statistik liegt die Sturzquote bei 65-Jährigen bei etwa 30 Prozent, in der Altersgruppe über 80 Jahre stürzt die Hälfte mindestens einmal pro Jahr.

Osteoporose ist häufig die Ursache für einen Knochenbruch, richtig?
Mildner: Ja. Im Alter baut sich der Kalk in den Knochen und die Knochensubstanz selbst ab. Durch die verminderte Knochendichte wird das Skelett sehr fragil. Sie können sich das vorstellen wie bei einem Meeresschwamm, dessen Gerüst immer poröser wird.

Brechen dadurch bei älteren Menschen die Knochen anders als bei jüngeren?
Klaiber: Ja. Bei älteren Menschen verlaufen Frakturen meist glatt oder eingestaucht, das bedeutet, der Knochen ist häufig nicht wesentlich verschoben. Bei jüngeren Menschen sind Spiral- und Trümmerbrüche häufiger. Auch verletzen sich junge Menschen eher bei Unfällen. Wir nennen das hochenergetisches Trauma, weil eine hohe Energie auf den Knochen eingewirkt und ihn zum Brechen gebracht hat. Bei älteren Menschen hingegen reicht das Stolpern über eine Stufe, der Betroffene fängt sich beim Hinfallen mit der Hand ab und schon kann das Handgelenk brechen. Das wäre ein niedrigenergetisches Trauma. Manchmal kann es sogar zu Spontanbrüchen ohne Sturz kommen, etwa beim Aufstehen aus dem Bett. Plötzlich verspürt der Betroffene aufgrund eines Wirbelbruchs einen starken Schmerz im Rücken.

Ist den Betroffenen die Ursache des Schmerzes bewusst?
Klaiber: Leider nein. Viele Patienten gehen erst nach Wochen zum Arzt, wenn der Schmerz nicht nachlässt. Die Fraktur wird dann erst bei der Röntgendiagnose festgestellt.

Wo kommen Frakturen im Alter am häufigsten vor?
Mildner: Vor allem im Handgelenk, im Bereich des Hüftgelenks und im Oberarm, aber es gibt auch Becken- und Wirbelbrüche.
Klaiber: Auffällig ist, dass wir in den letzten Jahren in der Kreisklinik Ebersberg eine deutliche Zunahme an Beckenbrüchen und periprothetischen Frakturen – also Brüche rund um ein künstliches Gelenk – beobachten können.

Wie erklären Sie sich das?
Klaiber: Die Menschen werden durchschnittlich immer älter, immer mehr haben ein künstliches Gelenk, und sie sind aktiver.

Werden die Verletzungen genauso behandelt wie bei jüngeren Menschen?
Mildner: Die Art der Therapie ist abhängig vom Alter des Patienten und seines allgemeinen Gesundheitszustandes. Ob wir operieren oder die Fraktur konservativ behandeln, etwa mit einem Gips oder einer Schiene, entscheiden wir in unserem interdisziplinären Team, dem auch ein Internist und ein Geriatrie-Facharzt angehören. Denn die Risiken einer langen Bettruhe wie etwa Lungenentzündung, Blaseninfektion oder Thrombose sind hoch. Deshalb ist es wichtig, den Patienten so schnell wie möglich wieder zu mobilisieren, um die Durchblutung des Körpers und den Stoffwechsel anzuregen, was den Heilungserfolg begünstigt. Minimalinvasive Verfahren ermöglichen das und sind relativ risikoarm.

Welche sind das?
Klaiber: Bei einem Wirbelbruch zum Beispiel wenden wir die Ballon-Kyphoplastie an. Dabei wird über zwei kleine Schnitte ein zunächst entlüfteter Ballon in den Wirbelkörper eingebracht und dann mit Luft gefüllt. Dadurch richtete sich der Wirbel auf, wir können den Hohlraum mit medizinischem Zement oder einem Titankörper auffüllen und so den Wirbel stabilisieren. Bei einem Oberschenkelhalsbruch setzen wir allerdings meist ein künstliches Hüftgelenk ein, um erstens einen schnelle Mobilisierung des Patienten zu ermöglichen und zweitens, um ihm einen zweiten Eingriff zu ersparen, falls es nicht zur Ausheilung des Bruches kommt.

Wann können die Patienten nach der Operation wieder nach Hause?
Klaiber: Das entscheiden wir im Einzelfall. Wenn es aus bestimmten Gründen notwendig ist, behandeln wir Patienten in der unfallchirurgischen Akutgeriatrie der Kreisklinik weiter, dort können wir mit unserem Spezialteam das postoperative Risiko nochmals minimieren.

Wie können ältere Menschen Stürzen vorbeugen?
Mildner: An oberster Stelle steht Bewegung, etwa täglich spazieren gehen, schwimmen, Seniorengymnastik oder ähnliches. Sowohl die Muskulatur als auch die Koordination können auch im Alter noch trainiert werden! Außerdem empfehlen wir eine ausgewogene Ernährung und Vitamin D sowie bei bestehender Osteoporose eine medikamentöse Therapie, um einen weiteren Knochenabbau zu verhindern. Eine Knochendichtemessung hilft, das Risiko einer Fraktur besser abschätzen zu können.

Das Gespräch führte Sybille Föll, Freie Journalistin


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