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Minimal-invasive Techniken bei Herzerkrankungen


Ebersberger Kardiologen arbeiten mit modernsten, interventionellen Verfahren

Minimal-invasive Techniken bei Herzerkrankungen: Ebersberger Kardiologen arbeiten mit modernsten, interventionellen Verfahren
Zwei publizierte Studien belegen inzwischen die Strahlenreduzierung im Azurion-Herzkatheterlabor in der Kreisklinik Ebersberg.

Ebersberg, November 2020 – Als interventionell werden in der Kardiologie Untersuchungen und Eingriffe bezeichnet, die minimal-invasiv mittels eines Katheters durchgeführt werden. Durch diesen führt der Kardiologe mit Hilfe eines bildgebenden Röntgenverfahrens Mikro-Geräte durch die Leiste ins Herz beziehungsweise in die herznahen Gefäße. Die modernsten interventionellen Verfahren, die auch in der Kreisklinik Ebersberg zum Einsatz kommen, erläutert Priv. Doz. Dr. Martin Schmidt, Chefarzt der Inneren Medizin II.

Bei welchen Herzerkrankungen können interventionelle Verfahren eingesetzt werden?
Bei vielen strukturellen Herzerkrankungen, Erkrankungen des Herzmuskels, der Herzklappen und bei Erkrankungen der Herzkranzgefäße. Besonders bei akuten Erkrankungen spielt die interventionelle Kardiologie eine immer wichtigere Rolle, zum Beispiel bei einer Angina Pectoris, bekannt als „Brustenge“, die oft in Zusammenhang mit einem Herzinfarkt oder zumindest einer schweren Durchblutungsstörung im Herzen steht. Eine interventionelle Untersuchung gibt uns klare Hinweise auf die Ursache, ermöglicht die sofortige Behandlung und hilft, Leben zu retten und zu verlängern.

Gibt es in dieser Hinsicht 2020 Neues an der Klinik Ebersberg?
Die Druckdrahtmessung ist zwar nicht neu, aber sie wurde verfeinert. Bei diesem interventionellen Verfahren wird ein feiner Draht in die Herzkranzgefäße geführt, mit dem – vereinfacht ausgedrückt – der Blutdurchfluss gemessen wird, um Verengungen mit gestörtem Blutfluss (Stenosen) genauer beurteilen zu können. Der Wert gibt Aufschluss darüber, ob die Stenose die Funktion derjenigen Herzmuskelregion, die von der Arterie versorgt wird, beeinträchtigt. Bis vor kurzem musste bei der Druckdrahtmessung das Medikament Adenosin verabreicht werden, auf das manche Patienten mit einer Herzrhythmusstörung oder Atemproblemen reagierten. Durch die Weiterentwicklung des Verfahrens kann auf die Medikamentengabe jetzt verzichtet werden.

Wann genau wird eine Druckdrahtmessung durchgeführt?
Wenn unklar ist, ob der Einsatz eines Stents, also einer Gefäßstütze, die das Gefäß offen hält, notwendig ist oder nicht. Die gängige Untersuchungsmethode bei Verdacht einer Gefäßverengung ist eine Angiografie. Dabei werden mittels Röntgenstrahlung oder Magnetresonanztomografie die Strukturen des Herzens und seiner Blutgefäße bildlich dargestellt. So können Engstellen erkannt werden. Sind sie nicht eindeutig hochgradig verengt, ist oft nicht klar, ob die Implantation eines Stents notwendig ist oder nicht. Es kann sein, dass trotz Stenose der Herzmuskel selbst unter Belastung noch ausreichend mit Blut versorgt wird. Mit der Druckdrahtmessung wird die visuelle Beurteilung durch eine physiologische ergänzt, wir können objektiver zum Wohl des Patienten entscheiden und unnötige Stent-Implantationen vermeiden.

Welche interventionelle Verfahren wenden Sie außerdem an?
Bei älteren Menschen sind Kalkablagerungen in den Gefäßen oft so verhärtet, dass wir diese durch eine Rotablation zunächst mechanisch lösen müssen, bevor wir das Gefäß mit Hilfe eines Ballons oder eines Stents aufdehnen können. Das geschieht mit einem speziellen Katheter, an dessen Spitze sich ein mit feinem Diamantstaub besetzter Mikro-Bohrkopf befindet. Er wird über einen sogenannten Führungskatheter, ein millimeterdünnes Röhrchen, in der Leiste zur betroffenen Herzkranzarterie geführt.

Besteht dabei nicht das Risiko, die Gefäßwand zu verletzen?
Der Kardiologe führt den Katheter mit Bohraufsatz vorsichtig entlang eines Führungsdrahtes, insofern ist das Risiko sehr gering. Zudem wird der Patient während des Eingriffs und danach über Monitore und per EKG überwacht. Mit Hilfe der Rotablation können wir heute Gefäße wieder eröffnen, die früher keiner Stent-Implantation und Ballonaufdehnung zugänglich waren. Es wird eine bessere Durchblutung des Herzens erreicht und das Herzinfarkt-Risiko gesenkt. Im Laufe des Jahres hat unsere Abteilung für die Rotablation erfolgreich eine Zertifizierung durch den Verfahrensanbieter absolviert.

Welche Patienten profitieren am meisten von den modernen Verfahren?
Interventionelle „minimal-invasive“ Eingriffe sind für alle Patienten in der Regel angenehmer und mit weniger Risiken verbunden als große Operationen. Auch ältere Menschen können durch sie profitieren, denn früher konnten viele von ihnen aufgrund eines hohen Operationsrisikos nicht mehr therapiert werden. Das hat sich durch die minimal-invasiven Methoden geändert. Natürlich gibt es auch hier Grenzen, aber die Medizintechnik entwickelt sich rasant weiter. Erst im Februar dieses Jahres konnten wir erstmals einem Patienten den kleinsten Herzschrittmacher der Welt einsetzen, die sogenannte Kardiokapsel. Sie ist weniger als ein Zehntel so groß wie ein herkömmlicher Schrittmacher und wird interventionell in der rechten Herzkammer platziert. Auch unsere Herzkatheterlabore werden ständig weiterentwickelt und technisch aufgerüstet.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.
Etwa mit einer neuen Angiografie-Plattform. Mit diesem Gerät wird der Patient mittels Röntgenstrahlung durchleuchtet und die Bilder werden auf einem großen Bildschirm angezeigt. Dank der Anschaffung der neuen Anlage können wir nun bei Herzkatheteruntersuchungen eine deutlich niedrigere Strahlenbelastung im Vergleich zu älteren Geräten sowohl für Patienten als auch die behandelnden Kardiologen anbieten. Zwei Studien, die wir im Hinblick auf die Strahlenbelastung durchgeführt und publiziert haben, bestätigen dies.

Das Gespräch führte Sybille Föll, Freie Journalistin


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