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Zwei Jahre Akutgeriatrie – eine Bilanz


Erfolgskonzept der Kreisklinik Ebersberg soll ausgebaut werden

Akutgeriatrie Kreisklinik Ebersberg
Von links: Dr. Artur Klaiber, Wolfgang A. Lenhardt und Prof. Thomas Bernatik treffen sich regelmäßig zu Patientenbesprechungen in der Abteilung für Akutgeriatrie. Foto: kk/sf

Ebersberg, Juli 2021 – Am 1. Juli 2019 ging die neue Abteilung für Akutgeriatrie an der Kreisklinik Ebersberg in Betrieb. Welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Station hatte und wie es weitergeht, darüber berichten der Leiter Wolfgang Lenhardt sowie die zuständigen Chefärzte Prof. Thomas Bernatik von der Inneren Medizin I und Dr. Artur Klaiber von der Orthopädie und Unfallchirurgie in einem Interview.

Wegen der Pandemie musste die Akutgeriatrie zwischenzeitlich geschlossen werden. Ist sie nun wieder in Betrieb?
Lenhardt: Ja, am 18. Februar dieses Jahres konnte sie wieder öffnen. Am 17. November 2020 war sie geschlossen worden. Die Patientenzahlen sind wieder auf dem Stand wie davor, alle 20 Betten sind belegt. Wir können auch wieder alle Therapiemaßnahmen durchführen, etwa Physio- und Ergotherapie – das war zeitweise leider nicht möglich. Glücklicherweise konnten wir das Personal, das wir speziell für diese Abteilung angeworben hatten, halten. Die geriatrisch ausgebildeten Pflegekräfte waren während der Schließung auf anderen Stationen in der Klinik eingesetzt.

Wo waren die Patienten der Akutgeriatrie während der Schließung?
Lenhardt: Sie waren auf anderen Stationen untergebracht, so dass wir ihren Gesundheitszustand und ihre Fortschritte bei der Genesung weiterhin beobachten konnten. Da wir jedoch keine speziellen Therapieformen anwenden konnten, war ihre Situation eine völlig andere als zuvor. Die Genesung verlief deutlich langsamer. Insbesondere nach Operationen oder anderen intensivmedizinischen Behandlungen ist das Zusammenspiel von ärztlicher Behandlung der akuten Erkrankung und Maßnahmen wie etwa Schlucktraining, neurologische Beobachtung und einer Therapie bei Orientierungsproblemen wichtig. Zudem wirkte sich das zeitweise Besuchsverbot für Angehörige negativ auf den Genesungsprozess aus, was jetzt eine aktuelle Studie bestätigt hat.

Welche Einschränkungen gab es während der letzten Monate außerdem?
Bernatik: Der Aufenthaltsraum zum Beispiel konnte nicht genutzt werden. Hier nehmen die Patienten gemeinsam ihr Mittagessen ein und treffen sich für Gespräche oder um Gesellschaftsspiele zu spielen. Dieser Wegfall von sozialen Kontakten war – wie für viele Menschen in dieser Zeit – schwer für unsere Patienten.

Kamen in der Krise mehr oder weniger ältere Menschen in die Klinik?
Klaiber: In der Orthopädie und Unfallchirurgie nahm in dieser Zeit die Zahl derer, die gestürzt und sich dabei etwas gebrochen hatten, deutlich zu. Auffallend war auch, dass die Betroffenen in einem schlechteren Allgemeinzustand waren, als üblicherweise. Sie waren weniger gut ernährt, weniger umsorgt worden und litten teilweise an Desorientierung oder an Depressionen.
Bernatik: In der Inneren hingegen konnten wir keinen Patientenanstieg in dieser Altersgruppe verzeichnen, was daran lag, dass viele Menschen sich aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus nicht zum Arzt, geschweige denn in die Klinik getraut haben. Viele Erkrankungen dürften in dieser Zeit unbehandelt geblieben sein.

Welche Ihrer Patienten werden in der Akutgeriatrie aufgenommen?
Bernatik: Ausschließlich multimorbide Patienten, das heißt, Menschen mit verschiedenen Grunderkrankungen wie etwa Herzleiden, Nieren- und Lebererkrankungen oder der Parkinson-Krankheit, die vor ihrer akuten Erkrankung noch selbstständig zu Hause wohnen konnten. Denn das Ziel der Akutgeriatrie ist es, diese Menschen durch eine ganzheitliche, umfassende Therapie so zu mobilisieren, dass sie in ihr altes Leben zurückkehren können und weitere Krankenhausaufenthalte seltener notwendig werden.
Klaiber: In der Unfall-Chirurgie haben wir in den vergangenen Monaten einen sogenannten Score entwickelt, der eine bessere Einordnung ermöglicht. Die Kriterien für eine Aufnahme, wie von Prof. Bernatik beschrieben, bleiben gleich. Neu ist jedoch, dass alle älteren Patienten ab zirka 70 Jahren aufwärts bei der Aufnahme in die Klinik von einem Geriater begutachtet werden. Sind die Kriterien erfüllt, wird für den Betroffenen oder die Betroffene gleich ein Platz in der Akutgeriatrie eingeplant.

Was wäre, wenn diese Patienten nicht in einer Abteilung für Akutgeriatrie behandelt werden könnten?
Lenhardt: Dann wären weitere gesundheitliche Komplikationen zu erwarten. Auf den Stationen der Inneren oder der Orthopädie und Unfallchirurgie werden die Patienten nach relativ kurzer Zeit wieder entlassen. Doch Folgekomplikationen wie etwa Infekte oder Stürze entstehen oft aufgrund unerkannter Defizite wie falsches Gehen, schlechtes Sehen oder eine Systemerkrankung, die sich auf ein gesamtes Organsystem auswirken kann, etwa den Muskelapparat. Durch die Untersuchungen bei der Aufnahme in der Akutgeriatrie werden diese Defizite erkannt und wir können gegensteuern. Durch Gehtraining zum Beispiel können weitere Stürze vermieden werden. Studien belegen, dass die Akutgeriatrie viele Folgeerkrankungen verhindern kann. In Kombination mit einer nachfolgenden Rehabilitation können über 80 Prozent der betagten Patienten wieder in ihr vorheriges soziales Umfeld entlassen werden und 90 Prozent von ihnen sind dort auch ein halbes Jahr später noch.
Klaiber: Es ist jetzt schon ersichtlich, dass das Erfolgskonzept Bestand hat und langfristig gesehen ausgebaut wird. Allerdings gilt es diesbezüglich im Landkreis Ebersberg noch einige Steine aus dem Weg zu räumen wie etwa den Mangel an qualifizierten Pflegekräften, nicht zuletzt bedingt durch fehlenden Wohnraum.

Das Gespräch führte Sybille Föll, Freie Journalistin


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