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Das Herz in Takt bringen


Elektrophysiologie bald auch in der Kreisklinik Ebersberg

Elektrophysiologie bald auch in der Kreisklinik Ebersberg

Ebersberg, Dezember 2014 – Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Herzrhythmusstörungen, von denen das Vorhofflimmern die häufigste und bekannteste ist. Bis vor wenigen Jahren konnten lediglich die Symptome durch Medikamente gemildert werden, mittlerweile ist dank Elektrophysiologie auch eine Behandlung der Ursache möglich. Demnächst soll das Verfahren in der Kreisklinik Ebersberg eingeführt werden. Der neue Chefarzt der Kardiologie in der Inneren Medizin, Privatdozent Dr. Martin Schmidt, ist Experte auf diesem Gebiet.

Dr. Schmidt, wie entstehen Herz­rhythmus­störungen?
Sie können angeboren sein oder aber als Folge struktureller Herzerkrankungen im Reizleitungssystem des Herzens auftreten. Die Kontraktion des Herzmuskels erfolgt nämlich über elektrische Signale, die über dieses Reizleitungssystem weitergeleitet werden. Liegen „Signalstörungen“ vor, fängt das Herz an zu „stolpern“ oder zu „rasen“. Man nennt das auch Arrhythmie. Die häufigsten Herzrhythmusstörungen sind das Vorhofflimmern, das oft bei Menschen im höheren Lebensalter auftritt, das Vorhofflattern und die AV-Knoten-Reentry-Tachykardie (AVNRT), die sich besonders bei Frauen – oft bereits im mittleren Lebensalter –bemerkbar macht. Die Symptome variieren, typisch sind ein unregelmäßiger Puls, Herzrasen, Atemnot, Schwächegefühl oder Schwindel.

Sind solche Arrhythmien lebensbedrohlich?
Nicht unbedingt. Es kommt darauf an, in welchem Bereich des Herzens die Ursache liegt und wie schwerwiegend die Arrhythmie ist. Behandelt werden primär Herzrhythmusstörungen, die gefährlich sind oder die Lebensqualität stark einschränken. Vorhofflimmern beispielsweise ist an sich nicht lebensbedrohlich, aber es besteht die Gefahr, dass sich Blutgerinnsel im linken Vorhof des Herzens bilden. Das kann wiederum zum Schlaganfall führen. Arrhythmien, die von der Herzkammer ausgehen – so genannte Kammertachykardien – müssen unbedingt behandelt werden. Ein interner Defibrillator kann hier hilfreich sein und das Leben verlängern.

Wie lässt sich die Ursache feststellen?
Mit Hilfe der Elektrophysiologie. Das ist ein spezielles Verfahren zur Untersuchung und Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Für die Untersuchung werden elektrische Signale ins Herz gesendet, um die Arrhythmie hervorzurufen. Gleichzeitig werden die herzeigenen elektrischen Signale gemessen und der Mechanismus analysiert. Das geschieht beides mit Hilfe von Kathetern, die über die Leistenvenen in die Herzkammern eingeführt werden. So kann man die Stellen orten, von denen die Störung ausgeht. Über bildgebende Verfahren oder Herzultraschall über die Leiste kann ich auf dem Computerbildschirm sehen, wo sich der Katheter befindet und ihn gezielt steuern.

Wie lässt sich die Herzrhythmusstörung beheben?
Durch eine sogenannte Ablation. Das Muskelgewebe, das für die Störung der elektrischen Signale verantwortlich ist, wird durch Hitze oder Kälte verödet. Das geschieht ebenfalls über einen speziellen Ablationskatheter durch die Leistenvene, durch den wir Hochfrequenzstrom, meist Radiofrequenzenergie, zu der betreffenden Stelle leiten. Dadurch wird das Gewebe punktuell auf etwa 50 Grad Celsius erwärmt und zerstört, so dass keine Reizweiterleitung mehr stattfinden kann. Ähnlich funktioniert das mit Kälte. Das Verfahren, mit dem wir Vorhofflimmern therapieren, nennt sich Cryoballon-Ablation. Dabei wird durch den Katheter ein Ballonsystem geschoben. Das Lachgas, mit dem wir den Ballon füllen, hat eine Temperatur von zirka minus 80 Grad Celsius, nach etwa drei Minuten ist das Gewebe vereist. Durch einen weiteren Katheter in dem Ballonsystem überprüfen wir den Erfolg. Eine Katheter-Ablation dauert etwa zwei Stunden. Der Patient erhält keine Vollnarkose, sondern wird mit Medikamenten in künstlichen Schlaf versetzt. Mit vorheriger Untersuchung und anschließender Beobachtung ist insgesamt ein etwa dreitägiger stationärer Aufenthalt in der Klinik erforderlich.

Welche neuen Therapieverfahren wird es außerdem künftig in Ebersberg geben?
Zum Beispiel den Vorhofohrverschluss. Das Vorhofohr ist ein Anhängsel am Herz-Vorhof. Dort bilden sich bei Patienten mit Vorhofflimmern leicht Blutgerinnsel. Wenn bei Patienten ein hohes Blutungsrisiko besteht und sie keine blutverdünnenden Medikamente einnehmen können, verschließen wir über einen Katheter das Vorhofohr mit einer Art Pfropfen. Eine weitere neue Therapieform wird das sogenannte Mitraclip-Verfahren für Patienten mit defekter Herzklappe, auch Mitralklappe genannt, sein. Über eine „Schleuse“ in der Leiste wird ein kleiner Clip, ähnlich einer Wäscheklammer, an die undichte Stelle zwischen Herzkammer und -vorhof gesetzt. Standard-Therapie ist die chirurgische Rekonstruktion der Klappe oder der operative Einsatz einer neuen Herzklappe. Aber wenn ein hohes Operations-Risiko besteht, zum Beispiel aufgrund anderer schwerer Erkrankungen, ist das Mitra-Clipping eine sehr gute, schonende Alternative. Außerdem wollen wir die gezielte Druckmessung von Herzkranzgefäßen einführen, um besser beurteilen zu können, ob bei einer Gefäßverengung ein Stent gelegt werden muss. Wir hoffen, für alle Therapieverfahren bis Mitte nächsten Jahres die technischen Voraussetzungen geschaffen zu haben. Unter anderem soll ein zweites Herzkatheter-Labor speziell für die Elektrophysiologie eingerichtet werden.

Das Gespräch führte Sybille Föll


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