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Neu: Chest Pain Unit in der Kreisklinik Ebersberg


Optimale Versorgung für Patienten mit unklarem Brustschmerz

Neue Chest Pain Unit in der Kreisklinik Ebersberg
Die Kardiologen Dr. Mathis Schlüter (links) und Priv.-Doz. Dr. Martin Schmidt bei einer Monitor-überwachten Untersuchung. Foto: kk

Ebersberg, Februar 2016 – Schmerzen im Brustkorb können viele Ursachen haben – angefangen von einer Erkrankung des Herzens bis hin zur Lungenembolie. Diese Beschwerden effizient mit spezialisierter Diagnostik abzuklären und umgehend die entsprechende Therapie in die Wege zu leiten, ist Zielstellung der neuen Chest Pain- (Brustschmerz-) Einheit (CPU), die im letzten Dezember in der kardiologischen Abteilung der Kreisklinik Ebersberg eingerichtet wurde. Kardiologie-Chefarzt Priv.-Doz. Dr. Martin Schmidt erläutert im Interview, was genau auf der neuen Station geschieht und welche Vorteile sie für Patienten bringt.

Dr. Schmidt, wie kann man sich die CPU vorstellen?
Die neue Einheit ist in der kardiologischen Abteilung integriert und besteht aus zwei Räumen, die mit jeweils zwei Betten, spezieller Messtechnik und mit Monitoren ausgestattet sind, so dass die Vitalfunktionen der Patienten wie etwa Puls- und Herzfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffgehalt des Blutes festgestellt und überwacht werden können. Für die Betreuung der Patienten stehen vier interventionelle Kardiologen bereit, also Fachärzte, die speziell in der Herzkatheter-Medizin geschult sind.

Werden alle Patienten, die mit Brustkorbschmerz in die Klinik kommen, sofort in der CPU aufgenommen?
Nein. Zunächst kommen sie in die Notaufnahme. Dort wird eine Blutuntersuchung vorgenommen und ein EKG geschrieben. Deuten die Ergebnisse auf einen akuten Verschluss der Herzkranzgefäße hin – die Ursache eines Herzinfarktes – wird der Patient umgehend in den Herzkatheterraum gebracht, wo das verschlossene Gefäß minimal-invasiv per Katheter über die Leisten- oder Armarterie wiedereröffnet und mit einem Stent versehen wird. Wenn im EKG kein Hinweis für einen Verschluss eines Herzkranzgefäßes vorliegt und der Kreislauf stabil ist, wird er in die CPU verlegt, wo er auf mögliche andere Ursachen hin untersucht wird.

Wieso geschieht das nicht schon in der Notaufnahme?
Bisher war das so. Die CPU hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Alle Handlungsabläufe zur Versorgung des Patienten geschehen hier nach ganz bestimmten, von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) erarbeiteten und empfohlenen Strukturen und Qualitätsstandards. Das bedeutet, dass der Patient optimal von Spezialisten ihres Fachgebietes, Kardiologen, versorgt wird – ohne Zeitverlust. Das ist wichtig bei den Erkrankungen, die dem Brustschmerz zugrunde liegen, denn oft entscheiden hier Minuten über Leben und Tod. Ein weiterer, positiver Effekt: Die Notaufnahme wird entlastet und kann sich um andere Fälle intensiver kümmern.

Welche Erkrankungen können Schmerzen in der Brust hervorrufen?
Die häufigsten neben dem Herzinfarkt sind Angina pectoris, auch als Brust- oder Herzenge bezeichnet, Bluthochdruck-Krisen, Herzrhythmusstörungen, Aortenaneurysma – also krankhafte Erweiterungen der Hauptschlagader des Körpers, die bei einem Einriss zu einer inneren Blutung führen kann –, aber auch Lungenembolien. Wenn der Patient zu uns kommt, wird nach der Messung der Vitalfunktionen eine Anamnese erstellt, das heißt, der Arzt erfragt die Art des Schmerzes, ob stechend oder brennend, wo er sitzt, ob er anhält oder nur sporadisch auftritt. Das sind erste Anhaltspunkte, um welche Erkrankung es sich handeln könnte.

Wie unterscheiden sich die Symptome?
Typisch für einen Herzinfarkt zum Beispiel ist ein brennender Schmerz hinter dem Brustbein, der bis in die Arme, Beine und in den Hals ausstrahlen kann, sowie ein Enge-Gefühl. Patienten beschreiben es manchmal „wie ein Reifen, der eng um den Brustkorb liegt“. Bei einer Angina pectoris ist es ähnlich, aber weniger stark ausgeprägt. Hier lässt der Schmerz meist auch nach einiger Zeit wieder nach, während er beim Herzinfarkt in der Regel dauerhaft ist. Der Grund ist, dass bei einer Angina pectoris eine Engstelle in den Herzkranzgefäßen besteht, noch kein vollständiger Verschluss. Betroffene verspüren daher bereits Erleichterung nach der Gabe von Nitraten, die eine durchblutungsfördernde Wirkung haben. Bei akuten Bluthochdruckkrisen können neben Brust- auch Kopfschmerzen und Nasenbluten auftreten. Ein Aortenaneurysma äußert sich meist durch einen Brustschmerz, der bis in den Rücken ausstrahlt sowie plötzliche Blutdruckschwankungen und tritt gehäuft bei Menschen auf, die unter Bluthochdruck leiden. Herzrhythmusstörungen wie etwa das Vorhofflimmern können neben dem „Herzrasen“ auch Zeichen einer Herzschwäche bis hin zu einer kurzen Bewusstlosigkeit verursachen. Eine Lungenembolie löst meist ebenfalls Brustschmerzen aus. Hinzu kommen hier besonders die Atemnot, ein schneller Puls und – in schweren Fällen – Bewusstlosigkeit.

Bleiben die Patienten bis zur Genesung in der Chest Pain Unit?
Nein. In der Regel werden sie nach der Erstversorgung oder gegebenenfalls nach der Herzkatheteruntersuchung auf Station verlegt. Der Aufenthalt in der CPU variiert je nach Erkrankung von zwei Stunden bis etwa zwei oder drei Tagen. Allerdings kommen auch Patienten zu uns, bei denen zum Beispiel ein Stent gesetzt wurde, also eine künstliche Gefäßerweiterung. Vier bis sechs Stunden überwachen wir dann Puls, Blutdruck und den Katheterzugang in der Leiste. Ist alles in Ordnung, kann der Patient auf Station weiter versorgt werden.

Wie ist Ihre Bilanz nach den ersten sechs Wochen seit Inbetriebnahme?
Die Einheit hat sich bereits bestens bewährt. Die Betten sind sehr gut ausgelastet und die Notaufnahme ist deutlich entlastet. Für den Fall, dass die vier Betten nicht ausreichen, haben wir sechs weitere, mobile Monitore angeschafft, mit denen wir auch Plätze auf der kardiologischen Station unserer Klinik für Brustschmerz-Patienten ausstatten können. Das nächste Ziel ist es, die Chest Pain Unit von der DGK zertifizieren zu lassen und damit offiziell empfohlene Behandlungsstätte für Brustscherz- und Herzinfarktpatienten zu werden – die Voraussetzungen dafür erfüllen wir bereits jetzt.

Das Gespräch führte Sybille Föll


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